Freunde aus Münster
Gudrun und Waldemar, sind eine lange und liebe Freundschaft. Beide sind passionierte Rad- und Bahnfahrer. Und wenn sie mich und meine Anvertaute besuchen gibt es immer etwas über ihre Reise zu berichten. Und das wird dann meist sehr lustig.
Hier nun eine Geschichte von den Beiden:
Traumatische Erlebnisse wollen verarbeitet werden – dies zur Entschuldigung dafür, dass der unendlichen Geschichte vom Reisen mit der Bahn an dieser Stelle ein weiteres Kapitel hinzugefügt wird, das eigentlich überflüssig ist, nämlich bloß eine Variante des schon so oft Gehörten und Gelesenen:
Beeinträchtigungen, oder: Man soll die Bahn nicht vor dem Abend loben
Die Kirche muss allerdings im Dorf bleiben. Der schuldige Respekt vor den Opfern von Kriegen und Kriegsfolgen, Naturkatastrophen, Hungersnot, Gewaltverbrechen verbietet, leichtfertig von Traumatisierung zu reden, wenn es letztlich bloß um Fragen der Bequemlichkeit geht. Doch in einem Land, in dem, zugegebenermaßen, vieles leidlich rundläuft, greift der notorische Nörgler eben nach jedem Strohhalm, um seine Unzufriedenheit kultivieren zu können. Dabei gibt es gute und weniger gute Gründe, auf die Deutsche Bahn zu schimpfen, denn nicht alles, was beim Bahnfahren schiefgeht, lässt sich dem Staatskonzern in die Schuhe schieben. Die Konkurrenzunternehmen auf der Schiene sind auch nicht über alle Kritik erhaben, obwohl Konkurrenz ja bekanntlich das Geschäft belebt und gemäß der marktliberalen Glaubenslehre eine Verbesserung des Angebots zur unvermeidlichen Folge haben sollte. Sabotageakte und Vandalismus werden nicht von den Bahnunternehmen verübt, auch suchen sie sich die Kunden nicht aus, die sich nicht benehmen können. Das meiste dürfte jedoch einer Verkehrspolitik anzulasten sein, die jahrzehntelang einseitig auf den motorisierten Individualverkehr gesetzt hat. Da war die Bahn eher lästig, selbst dann noch, als Verkehrsexperten längst vor einem “Verkehrsinfarkt” warnten, Expertise und wirtschaftliche Interessen sind halt nicht ohne Weiteres kompatibel. Die nun fällige Tirade gegen die Automobilindustrie und ihre Lobby unterbleibt jedoch, um nicht auch darauf eingehen zu müssen, dass besagte Interessen mit denen des autofahrenden Volkes, namentlich in seiner maskulinen Ausprägung, durchaus kompatibel waren und weiterhin sind (was nicht rational, sondern hormonell begründet ist: Testosteron schlägt Verstand, brumm-brumm). Seit aber der Klimawandel keinem ernstzunehmenden (!) Zweifel mehr unterliegt und die Themen Energiewende und Verkehrswende in aller Munde sind, soll der öffentliche Personenverkehr, also auch die Bahn, einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Die Aufwertung kam spät, wenn auch noch viel zu früh, um dem neuen, hohen Anspruch gerecht werden zu können. Dies wird, wohl noch auf etliche Jahre hinaus, durch etwas verhindert, das zusammengefasst Sanierungsstau heißt und trotz modernisierter Bahnhöfe und neuer Züge allgegenwärtig ist. Kardinalproblem ist das marode Schienennetz. Die dringend notwendige Sanierung im laufenden Betrieb durchzuführen, ist keine Kleinigkeit und kann nicht ohne “Reibungsverluste” vonstatten gehen. Das ist nicht erfreulich, muss aber allen klar sein. Wenn daher gleich ein Klagelied über die Bahn angestimmt wird, dann mit einem Augenzwinkern: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
Dies vorweg.
Nach herrlichen Tagen und langen Abenden bei Freunden musste der Heimweg angetreten werden. Selbstverständlich mit dem Zug, wie auch sonst, wenn schon die Anreise mit diesem Verkehrsmittel erfolgt war. Genau deshalb kam es darauf an, sich eingehend mit dem Fahrplan zu befassen – bloß nicht wieder so ein Fiasko erleben wie zwei Tage zuvor! Es hatte sich zuhause schon abgezeichnet.
Nicht nur lehrt die Erfahrung, dass es angebracht ist – die Bahn selbst empfiehlt es auch: sich kurz vor Reisebeginn noch einmal zu informieren, ob bei der geplanten Verbindung Änderungen zu erwarten sind. Was leicht zu bewerkstelligen ist, online – sofern sich jemand in der digitalen Welt zurechtfindet. Es hatte von Münster nach Hanau gehen sollen, mit Regionalzügen, um das Deutschlandticket nutzen zu können. Als günstigste Verbindung war eine erschienen, die morgens über Hamm und Kassel-Wilhelmshöhe führt, mit ausreichend Übergangszeit an beiden Bahnhöfen, so dass die Anschlusszüge hätten erreichbar sein sollen. Also vor dem Aufbruch noch schnell gecheckt, ob es dabei bleiben werde.
Nein! Zu dem ersten Teilstück ließ die Bahn-App wissen:
“Die Strecke ist zwischen Hamm (Westf.) und Drensteinfurt beeinträchtigt. Dauer der Beeinträchtigung unbestimmt. Der Grund dafür ist eine Reparatur an der Strecke. In der Folge kommt es zu Verspätungen und es kann zu Teilausfällen kommen. Bitte prüfen Sie Ihre Reiseverbindung kurz vor der Abfahrt.”
Was soeben geschehen war. In solchen Situationen ist Flexibilität das A und O, die große Stärke des höheren Lebensalters. Blitzschnell war der Entschluss gefasst, einen Zug eher zu starten, um den Anschluss in Hamm auf keinen Fall zu verpassen. Der Gedanke war brillant gewesen, hatte sich aber im Nachhinein als nicht praxistauglich erwiesen – der frühere Zug hatte der Rubrik Teilausfälle zugeordnet werden müssen. Stattdessen war der nächste Zug planmäßig gefahren – ohne Beeinträchtigung durch eine Reparatur an der Strecke. Schön, nur leider kein Grund zur Entspannung, denn die Bahn-App hatte neue Informationen parat gehabt, jetzt für das Stück zwischen Hamm und Kassel-Wilhelmshöhe: Irgendwo im Raum Soest hätten die Vandalen zugeschlagen und Schäden verursacht. Was das konkret für den Bahnverkehr zu bedeuten hatte, war unerwähnt geblieben, dass jedoch kein Zugausfall bekanntgegeben wurde, hatte zuversichtlich gestimmt. In Hamm angekommen, hatte sich die Zuversicht bis fast zur Euphorie gesteigert, als der Zug nach Kassel auf der Anzeige am Gleis angekündigt war, mit dem Hinweis “Heute ohne Halt in Soest und Lippstadt”. Wer dorthin gewollt hatte, hatte also Pech gehabt, kein Problem jedoch für Fernreisende. Wenig später war die Bestätigung per Lautsprecher gekommen, mit selbigem Hinweis und der zusätzlichen Erklärung: “Grund dafür ist eine Umleitung”. Und prompt war der Zug eingefahren. Doch was war dort zu lesen gewesen, wo zur Orientierung der Reisenden üblicherweise der Zielbahnhof und Zwischenhalte benannt werden? “Nicht einsteigen”! Massen hatten sich aus den geöffneten Türen gewälzt und den entgegenströmenden Einsteigewilligen zugerufen, der Zug fahre nicht weiter. Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Doch, hatte jemand vom Zugpersonal gewusst, zur Weiterfahrt gebe es
Schienenersatzverkehr (allein diese klangvolle Wortschöpfung, die alle Bahnreisenden lieben: Schienen. Ersatz. Verkehr. SEV, nicht zu verwechseln mit SUV). Der vorliegende Sachverhalt war dem Bahnpersonal am Hauptbahnhof in Hamm ganz offenkundig verborgen geblieben, Grund dafür konnte nur eine Beeinträchtigung der betriebsinternen Kommunikation sein. Auf dem Weg zum Bahnhofsvorplatz, wo mutmaßlich der Schienenersatzverkehr hatte losgehen sollen, war es in der Bahnhofshalle zu Beeinträchtigungen durch die Schlange am Informationsschalter gekommen. Sich hier einzureihen hatte als Unfug angesehen werden müssen – wieso hätte anzunehmen sein sollen, dass hier korrekte Informationen vorlägen? Auf dem Bahnhofsvorplatz zwischen hektisch auf den Displays ihrer Smartphones herumhackenden und -wischenden Mitreisenden zu stehen, war jedoch auch nicht sinnvoller erschienen. Allmählich war klar geworden, dass ein Schienenersatzverkehr überhaupt noch nicht organisiert sein konnte, weil ja augenscheinlich niemand Verantwortliches von dem Zugausfall Kenntnis gehabt hatte.
Da waren sie wieder gefragt gewesen, die alterstypische Flexibilität und Medienkompetenz: Auf dem Bahnhofsvorplatz in Hamm inmitten anderer Wartender auf dem Display des Smartphones hektisch herumhackender- und -wischenderweise hatte sich eine Alternative aufgetan, die zwar auch nicht ohne war, wegen der zusätzlichen Umstiege, aber nicht schon von vornherein Beeinträchtigungen in Aussicht stellte: über Hagen, hier Umsteigen und Weiterfahrt nach Lennestadt-Grevenbrück, hier Umsteigen und Weiterfahrt mit Schienenersatzverkehr nach Welschen-Ennest, hier Umsteigen und Weiterfahrt nach Siegen, hier Umsteigen und Weiterfahrt nach Gießen, hier Umsteigen und Weiterfahrt nach Friedberg, hier ein letztes Mal Umsteigen und Weiterfahrt nach Hanau. Ein bisschen umständlich, aber mit dem Vorzug, dass eine gegenüber der ursprünglichen Verbindung um nur eine Stunde verspätete Ankunft in Hanau zu erwarten war. Was als nahezu pünktlich gelten konnte. Fest in den aktuellen Fahrplan integriert, sollte es durch den Schienenersatzverkehr nicht zu Beeinträchtigungen kommen. Und nicht zuletzt hatte der landeskundliche Aspekt für diese Reisealternative gesprochen – so bald gäbe es kaum wieder eine Gelegenheit, Welschen-Ennester Luft zu schnuppern, und sei es nur umstiegshalber.
Am Hauptbahnhof in Hagen, wo gerade “Sondervermögen” versenkt wurde, hatte sich dennoch die Stirn besorgt in Falten gelegt, als der Zug aus Lennestadt-Grevenbrück, zur Weiterfahrt nach Lennestadt-Grevenbrück, erst mit einiger Verspätung eintraf. Zum Glück noch so zeitig, dass er pünktlich wieder hatte abfahren können. Und die Fahrt planmäßig verlaufen. Bis Iserlohn-Letmathe. Hier keine Ausfahrt. Was der Lokführer hatte erklären können: eingleisige Strecke, entgegenkommender Zug… Und die Zeit war davongelaufen, die verbleibende Umstiegszeit geschrumpft und geschrumpft, die Fahrt endlich weitergegangen. Nur eine Stunde später als gedacht in Hanau? Unwahrscheinlich! Aber erstmal nach Siegen kommen, bis dahin müsste ja noch alles klappen, dann mal weitersehen. Bei der Einfahrt in Lennestadt-Grevenbrück hatte der freundliche Lokführer noch einmal ausdrücklich informiert, die Fahrt sei jetzt hier beendet, Schienenersatzverkehr eingerichtet, die Haltestelle vor dem Bahnhof; und tschüss! Treppe vom Bahnsteig hinunter, Treppe zur Bushaltestelle wieder hinauf, hier weit und breit kein Schienenersatzverkehr, ein paar Minuten gewartet, Busse waren gekommen und wieder abgefahren – indessen: kein Schienenersatzverkehr. Nach und nach hatte sich dann herumgesprochen, dass der SEV seine Fahrt planmäßig angetreten habe, der Zug sei ja leider verspätet gewesen, jetzt müsse eben der nächste planmäßige SEV abgewartet werden, bis dahin bereits weniger als eine Stunde.
Die Wende war dann in Welschen-Ennest gekommen, das endlich doch noch schienenersatzverkehrsmäßig erreicht werden konnte – nicht dass ab hier alles störungsfrei verlaufen wäre, aber keine Anschlusszüge waren mehr verpasst worden, nicht in Siegen, nicht in Gießen, nicht in Friedberg. In Welschen-Ennest hatte der Zug abfahrbereit gewartet und sich nach dem Umsteigen aus dem SEV zügig in Bewegung gesetzt, ein pflichtbewusster Schaffner die Zugestiegenen mit einem aufmunternden “Fahrkarten bitte!!” begrüßt und kraft seines Amtes Sorge getragen, dass niemand sich dieses unvergleichliche Bahnerlebnis widerrechtlich erschleichen konnte. In Siegen eine kurzer Sprint am selben Bahnsteig, in Gießen eine Gleisänderung, weiter nichts mehr, peanuts, bis auf die Verspätung, die sich bis Hanau zu rund drei Stunden aufsummiert hatte. Drei Stunden, das wäre selbst mit einem der chronisch unpünktlichen ICEs nicht zu schaffen gewesen.
Klar dass sich solche Beeinträchtigungen nur zwei Tage danach nicht wiederholen sollten! War denn keine weniger störanfällige Verbindung zu finden? Groß war die Auswahl nicht: entweder über Kassel-Wilhelmshöhe oder über Siegen, ab hier wahlweise auch über Köln Messe/Deutz statt über Welschen-Ennest. Über Siegen? Diese Option konnte gleich ausgeschlossen werden, das enorme Beeinträchtigungspotenzial auf dieser Strecke war noch gut in schlechter Erinnerung. Blieb im Prinzip die gleiche Verbindung wie zunächst schon für die Hinfahrt vorgesehen, bis die Vandalen alle Pläne über den Haufen geworfen hatten: über Kassel-Wilhelmshöhe, jetzt in umgekehrter Richtung. Im Detail: von Hanau nach Frankfurt, hier ein Aufenthalt von einer Stunde, nächster Umstieg in Kassel-Wilhelmshöhe dann noch einmal in Hamm. Bis dorthin laut Bahn-App keine Beeinträchtigungen absehbar, erst auf dem letzten Streckenabschnitt nach Münster – siehe oben: “Die Strecke ist zwischen Hamm (Westf.) und Drensteinfurt…”. Es sollte aber noch etwas hinzukommen, das jetzt noch keine Beachtung fand, später umso mehr.
Also gutgelaunt zum Bahnhof, wo der Zug nach Frankfurt bereits auf der Anzeigetafel erschien, “Heute fünf Minuten später”. Fünf Minuten, lächerlich bei einer Übergangszeit von einer Stunde! Weiterhin lächerlich auch als die Anpassung “Heute zehn Minuten später” kam, und gegen die aus dem Lautsprecher nachgelieferte Erklärung “Warten auf Anschlussreisende” war nun wirklich nichts einzuwenden – das wäre zwei Tage zuvor in Lennestadt-Grevenbrück auch gerne genommen worden. Es blieb nicht bei zehn Minuten, aber unproblematisch. In Frankfurt konnte ganz entspannt ein bisschen Reiseproviant besorgt und schon bald der frühzeitig aus Kassel eintreffende Zug bestiegen werden, der sich pünktlich auf den Rückweg machte. Von dem Moment an wurde argwöhnisch beobachtet, ob der Fahrplan eingehalten wurde. Mit dreizehn Minuten war die Zeit zum Umsteigen in Kassel-Wilhelmshöhe zwar großzügig bemessen und sollte auf jeden Fall ausreichen, um selbst bei längeren Wegen bequem von einem Gleis zum anderen zu gelangen. Einerseits; andererseits war erst vor zwei Tagen der Nachweis erbracht worden, dass sich solcherlei Gedanken angesichts unvorhergesehener Beeinträchtigungen schnell als graue Theorie herausstellen konnten. Auf so etwas gefasst zu sein, würde an der Situation, wenn sie einträte, selbstverständlich nichts ändern, doch immerhin hätte man es wieder mal schon vorher gewusst, zumindest geahnt, und das wäre bei allem Frust eine gewisse Befriedigung.
Was tatsächlich geschah, war das Unfassbare: Der Zug kam auf die Minute pünktlich in Kassel-Wilhelmshöhe an! Aussteigen, zum anderen Bahnsteig schlendern, dort der Zug nach Hamm schon eingelaufen, einsteigen, Sitzplatz ergattern und sich entspannt zurücklehnen. Jetzt sollte nicht mehr viel passieren können: irgendwann Ankunft in Hamm, von dort nicht einmal mehr eine halbe Stunde bis Münster, falls es planmäßig liefe, falls nicht, dann eben etwas länger – hatte auf der Hinreise doch geklappt. Ohne Grund sich zu beschweren ging es bis Soest, hier jedoch gab zu denken, dass der Zug nicht wieder anfuhr. Nach einiger Zeit kam die erklärende Durchsage, wegen einer Weichenstörung werde sich die Weiterreise noch etwas verzögern, „wir bitten um Entschuldigung“. Wiederholung nach ein paar Minuten, Kommentar einer bahnerfahrenen Mitreisenden: „Das hört sich nicht gut an.“ Kurz darauf meldete sich der überaus freundliche Lokführer, „liebe Fahrgäste“, wir hätten ja schon mitbekommen…, und wer jetzt noch eine rauchen wolle, solle das ruhig tun, es werde dann durchgesagt, wenn es weitergehe. Vielleicht zehn Minuten später rollte der Zug an, kein Protestgeschrei, kein vereinsamtes Gepäck, alle Raucherinnen und Raucher offenbar wieder an Bord. Dann wieder der Lokführer, „liebe Fahrgäste“, wir führen jetzt ein Umleitung über Unna. Zum Verständnis: von Soest nach Hamm über Unna ist ungefähr so wie von Berlin über Hamburg nach Köln. In Unna musste dann erst ein anderer Zug nach Hamm vorbeigelassen werden, damit der – einigermaßen – im Fahrplan bleiben konnte. Wäre es womöglich sinnvoll gewesen, hier umzusteigen? Zu spät, aber nicht mehr lange, und der Bahnhof von Unna konnte sowieso Richtung Hamm verlassen werden. Langsam kam Münster in Reichweite, sozusagen, wer konnte auch ahnen, dass ein Highlight an Beeinträchtigung noch ausstand?
Endlich in Hamm, weit davon entfernt, pünktlich zu sein, hätte eigentlich damit gerechnet werden müssen, dass der Anschlusszug keiner mehr wäre, sondern schon unterwegs zu den Beeinträchtigungen auf der Strecke nach Münster. Dies war jedoch keineswegs so; vielmehr war der Zug, wie die Bahn-App nach dem Soester Weichenzwischenfall verraten hatte, seinerseits verspätet, denn er kam aus Krefeld. Dazu gab es folgende Information: “Die Strecke ist zwischen Opladen und Leichlingen beeinträchtigt”, kein Ende absehbar, Verspätungen und Teilausfälle möglich, wie schon gehabt. Jetzt aber kam diese Beeinträchtigung zupass, die Verspätungen beider Züge schienen wie aufeinander abgestimmt, wodurch der Anschluss wieder gewährleistet gewesen wäre. Genial! So ergab sich ein kühner Gedanke: Könnte nicht für Bahnreisende durch den konsequenten Aufbau eines koordinierten Verspätungswesens eine Verbesserung eintreten? Dies müsste dann noch mit der Definition von Verspätung als Keine Verspätung zusammen gedacht werden – schade, dass Andreas Scheuer nicht mehr Bundesverkehrsminister ist.
Weitere Überlegungen dieser Art mussten auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden, auf dem Hammer Hauptbahnhof zum richtigen Gleis zu eilen hatte Vorrang. Um hier eine Durchsage folgenden Inhalts zu hören: dass der verspätete Regionalzug nach Münster leider ausfalle, „wir bitten um Entschuldigung“. Na ja, kein Problem, es sollte ja zeitnah noch ein weiterer Zug nach Münster fahren, eigentlich vorher, nun wegen einer halbstündigen Verspätung aber doch nachher, „heute aus Gleis 3“. Keine geringe Verwirrung entstand dadurch, dass auf der Anzeige „Gleis 2“ zu lesen war. Dass das Bahnpersonal in Hamm nicht immer up to date ist, war noch erinnerlich, recht kurzfristig kam jedoch eine Einigung auf „Gleis 2“ zustande, jetzt also dorthin. Wo sich zeigte, was es heißt, wenn zur Zeit des Berufsverkehrs die Berufspendler und -innen, „normalen“ Reisenden und solche mt Fahrrädern, vorzugsweise E-Bikes, aus zwei Zügen mit nur einem fahren wollen. Das Verladen aller zog sich jedenfalls hin, am Ende war es unmöglich zu stürzen, weil dafür einfach kein Platz mehr zur Verfügung stand. Irgendwann Abfahrt, kurz darauf die Durchsage des merklich genervten Lokführers, „liebe Fahrgäste“, an der ersten Station müssten eine Reihe von Personen, so um die zehn, wieder aussteigen, der Zug sei übergewichtig, die Technik drohe eine Fahrsperre an, er möchte nicht mitten auf der Strecke liegenbleiben, “und Sie möchten das auch nicht.” Nächster planmäßiger Halt war Bockum-Hövel, wo der weiterhin genervte Lokführer seine Aufforderung wiederholte und dabei geschickt den Begriff Bundespolizei in seine Rede einfließen ließ. Was die Motivation, seiner Aufforderung Folge zu leisten, nicht nennenswert steigerte. Nach einiger Zeit war es dann doch geschafft, genügend „liebe Fahrgäste“, darunter dankenswerterweise einige E-Bike-Fahrer und -innen standen auf dem Bahnsteig von Bockum-Hövel, so dass der Zug endlich weiterfahren konnte, zwischendurch richtig schnell. Ohne weitere Probleme konnte dann zum guten Schluss der Bus der Stadtwerke Münster den heimischen Stadtteil ansteuern, wo einem angenehmen Abend nichts mehr entgegen stand.
Nachtrag 1: In Münster fand am darauffolgenden Wochenende der NRW-Tag statt. Ein besonderes Jubiläum, achtzig Jahre Nordrhein-Westfalen, nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die britische Besatzungsmacht die verfeindeten Stämme der Westfalen und der Rheinländer in dem neuen Bundesland friedlich vereint. Zu diesem mindestens als mega einzustufenden Event konnten Besucherinnen und Besucher aus ganz Nordrhein-Westfalen kostenlos mit der Bahn anreisen. Trotzdem zeigten sich die Veranstalter hinterher mit den Besucherzahlen hoch zufrieden.
Nachtrag 2: Eine Woche oder zwei später schaffte es Lennestadt-Altenhundem in die Abendnachrichten der Tagesschau, bundesweite Aufmerksamkeit zur besten Sendezeit. Lennestadt-Altenhundem, das liegt zwischen Lennestadt-Grevenbrück und Welschen-Ennest, also dort wo kein Zug fuhr. Und, wie die Tagesschau meldete, vorerst auch keiner wieder fahren sollte. Eine Brücke musste hier erneuert werden, aber die neue war beim Versuch, sie an ihrem Standort zu positionieren, vom Tieflader gefallen. “Wir bitten um Entschuldigung.”